The Bamboo Wall

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Geschrieben am: 11.08.08
Autor: Tilo Bonow

The Bamboo Wall


Beschützt von der mächtigen chinesischen Mauer, in einem verborgenen, ruhigen Seitental im Kreis Yanqing, knapp eine Autostunde von der geschäftigen Millionenmetropole Beijing entfernt, liegen elf mondäne Villen  eingebettet in die hügelige Landschaft. Sie gehören zur „Commune by the Great Wall“, einem weltweit einzigartigen Projekt der jungen, avantgardistischen Eheleute Zhang Xin und Pan Shiyi, Inhaber der Immobiliengesellschaft „Soho China“. Das auf der Biennale von Venedig mit einem Sonderpreis für die „Förderung des künstlerischen Aspekts in der Architektur” ausgezeichnete Projekt vereint die Kunst von zwölf Toparchitekten aus China, Japan, Singapur, Thailand und der Republik Korea. Jedes Objekt trägt eine individuelle architektonische Handschrift. Die einzige Vorgabe für die Erbauer war der Einsatz von einheimischen Materialien und Handwerkern aus der Region. So konnte ein Panoptikum zeitgenössischer asiatischer Architektur entstehen.

„The Bamboo Wall” ist das Werk des japanischen Architekten Kengo Kuma. Im Jahr 2002 wurde er mit dem finnischen „Spirit of Nature Wood Architecture Award” für seinen aufwändigen und innovativen Einsatz von Hölzern ausgezeichnet. Dabei ist er keinesfalls ein „hölzerner” Architekt: Glas, Stein, Kunststoff und Metalle werden als Gegenpol mit weltlicher Kraft überführt. Vorbild für die Form und Platzierung der „Bambus-Mauer”, wie Kengo Kuma das lang gestreckte, zweistöckige Wohnhaus nennt, war die chinesische Mauer selbst. Dieses monumentale, 6.000 Kilometer lange Bollwerk, welches so wunderbar mit der Landschaft verschmilzt, verhilft eben genau in diesem Aspekt „The Bamboo Wall” zu seinem Wesen. Obwohl sich das Haus, wie auch die chinesische Mauer, an den unebenen Boden anpasst, zog Kuma an der Oberkante des Hauses eine tadellos gerade, horizontale Linie.

Eine steinerne Treppe führt hinauf zum zweigeschossigen Bau. Ein von Bambussäulen gesäumter Gang führt den Besucher in die Eingangshalle. Die Struktur des Hauses wurde im Wesentlichen aus Glas und Bambus gebildet. Den Boden zieren dunkle, grandios bearbeitete Schieferplatten. Um das Tageslicht besser steuern zu können, sind die Bambusrohre durchlässig und auf Schienen montiert, so dass je nach Witterung und Lichtverhältnissen mit wenigen Handgriffen individuelle Szenarien geschaffen werden können. Vom Eingang aus erreicht man im vorderen Bereich die Küche, weiter hinten erstreckt sich dann der Ess- und Wohnbereich. Eine kleine Treppe führt hinab zu den Personal- und Lagerräumen. Durch den konsequenten Einsatz von Glas und Stahl gelingt dem Architekten ein fließender Übergang von Wohnbereich und Landschaft.

Der zentrale Raum des Hauses ist die Bambus-Lounge, die, umgeben von einer Wasserfläche, in einer Loggia liegt. Zwei steinerne Stege führen vom Wohnbereich zu diesem pavillonartigen Freisitz. Hier besteht selbst der Boden aus kräftigen Bambusrohren. Auch die Wände des Pavillons bestehen aus durchlässigen, teils verschiebbaren Elementen aus filigranen Bambusstäben, sodass die genaue Abgrenzung zwischen Innen und Außen optisch kaum auszumachen ist. Die räumlichen Grenzen werden nur angedeutet, sie überlagern das Bild der umgebenden Landschaft, ohne eine optische Begrenzung zu bilden. Das Dach der Loggia erweckt durch seine Verglasung beim Betrachter den Eindruck, unter freiem Himmel zu sitzen. Hier durchströmt den Besucher der Geist des Zen Buddhismus. Zen, diese Religion der Himmelsstürmer, die keinen Gott kennt, die sich nicht zufrieden gibt mit metaphysischem Dunst von Heiligkeit, sondern um Klarheit, um die Erleuchtung, um die glasklare Einsicht in das wahre Wesen der Dinge ringt. Im hinteren Bereich des Hauses befinden sich die sechs Schlafgemächer mit den dazugehörigen Bädern. Hier dient der Bambus nicht mehr dem konstruktiven sondern lediglich dem ästhetischen Zweck. Sind die Schlafräume nach chinesischer Tradition eher klar und schlicht gestaltet, warten die Bädern mit imposanten Granitarbeiten und Designelemente in den Badmöbeln, Armaturen und Accessoires auf.

Die „Kommune” mit ihren Villen an der großen Mauer ist erst der Anfang. Bereits jetzt sind in den benachbarten, in saftig grünen, friedvoll schlummernden Tälern, ähnliche Projekte geplant.

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